Einblicke in die Unix-Vergangenheit

coherent-emedia-3c7c90bf9d5174a8Unixoide Archäologen können jetzt einen Blick in die Quellen des vor rund 20 Jahren eingestellten Unix-Clone Coherent werfen. Der Code der Version 4.2.10 ist inzwischen inklusive Versionshistorie als Open Source veröffentlicht.

Copyright-Inhaber Robert Swartz, ehemaliger Chef der 1995 in Konkurs gegangenen Chicagoer Mark Williams Company (MWC), hat grünes Licht gegeben: Die Quellen des ehemalig kommerziell vertriebenen Unix-Clones COHERENT in der Version 4.2.10 stehen für die x86-Architektur jetzt unter einer BSD-artigen Lizenz zum Download bereit. Der ehemalige MWC-Mitarbeiter Stephen A. Ness pflegt hierfür auf seiner Webseite einige Seiten zur Entstehungsgeschichte.

Den Code nur für den COHERENT-80386-Kernel gab es schon seit 2011 als Open Source, das jetzige Download-Angebot enthält nicht nur das komplette Betriebssystem, sondern auch den C-Compiler sowie die X11-Umgebung. Darüber hinaus finden ich auf der Download-Seite auch die Quellen des damals zum Lieferumfang gehörenden rund 1200seitigen Handbuchs sowie XYBASIC, ein BASIC-Interpreter für 8080-CPUs. Da es sich bei den bereitgestellten Archiven um Backups einer Entwicklermaschine handelt, enthalten sie nicht nur den Source-Code sondern auch die RCS-Versionshistorie, anhand der sich der Entwicklungsprozess nachvollziehen lässt.
Seit Ende der 1970er Jahre schrieb MWC Programme für die Softwareentwicklung. Dazu gehörte neben Tools wie XYBASIC auch der UNIX-Clone COHERENT, der ursprünglich für die PDP/11 entstand. Diesen portierten die Entwickler um den Inhaber Robert Swartz Anfang der 1980er Jahre auf Intel-Prozessoren von 8086 bis 80486 und den im Commodore 900 eingesetzten Zilog Z8000 und vertrieben ihn zeitweilig recht erfolgreich kommerziell.

AT&T, als Mutterkonzern der UNIX-Schmiede Bell Labs, beäugte dies durchaus kritisch und schickte 1994 sogarden 2011 verstorbenen Unix-Vater Dennis Ritchie auf einen Kontrollbesuch zu MWC. Ritchie kam dabei zu der Einschätzung, dass COHERENT keine illegale Kopie der offiziellen Unix-Quellen war. Trotz dieses „Segens“ ging MWC 1995 in Konkurs: Die aufstrebenden, oft kostenlosen oder -günstigen Linux-Distributionen, erfreuten sich bei größerem Funktionsumfang zunehmender Beliebtheit; dem konnte die Mark Williams Company mangels Ressourcen mit COHERENT nur wenig entgegensetzen.

Robert Swartz ist übrigens der Vater von Aaron Swartz, Internetaktivist und RSS-Entwickler, der im Januar 2013 Selbstmord beging. (avr)

Quelle: heise.de